Seit 2015 haben (teil)stationäre Pflegeeinrichtungen die Möglichkeit, Anträge zur Förderung von Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung für Bewohner*innen im Sinne des Präventionsgesetzes §5 SGB XI stellen.

Wie der Präventionsbericht 2018 zeigt, werden die im „Leitfaden zur Prävention in stationären Pflegeinrichtungen“ definierten Themenfelder unterschiedlich häufig gewählt. Während seitens der Pflegekassen 94 Prozent der interessierten Pflegeeinrichtungen zu Maßnahmen zur körperlichen Aktivität von Bewohner*innen und Tagesgästen beraten und unterstützt wurden, erfolgte dies zum Thema Gewaltprävention bei lediglich ein Prozent der Einrichtungen. Zweifelsfrei gibt es somit Handlungsfelder, die in den Einrichtungen bevorzugt thematisiert werden.

Tabubehaftete Themen wie beispielsweise Gewalt oder Sexualität geraten hingegen in den Hintergrund. Dabei spielen sie im Alltag der Einrichtungen eine große Rolle und haben sowohl für die Gesundheit der Menschen mit Pflegebedarf, als auch für die Beschäftigten, eine hohe Relevanz.

Hier setzt das dreijährige Projekt „Wohl.Fühlen – Gewaltprävention und sexuelle Selbstbestimmung in (teil)stationären Pflegeeinrichtungen“ an. Es ist ein Folgeprojekt des von 2017 bis 2018 laufenden Vorgängers „Gesundheitsförderung für Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen“ und findet in bewährter Zusammenarbeit mit dem pro familia Landesverband Niedersachsen statt. Die Gesamtförderung übernimmt wiederum die BARMER Niedersachsen/Bremen.

 

Gewalt als Thema in (teil)stationären Pflegeeinrichtungen
Die Prävention von Gewalt ist eines der fünf Handlungsfelder, die im Leitfaden des GKV-Spitzenverbandes definiert werden. Als Gewalt in der Pflege werden einmalige und wiederholte Handlungen oder das Unterlassen gebotener Handlungen verstanden, die bei der betroffenen Person zu Schaden und Leid führen. Dies umfasst körperlichen, seelischen oder finanziellen Schaden sowie den Eingriff in die Selbstbestimmung der jeweiligen Person. Die Erscheinungsformen von Gewalt sind heterogen und reichen von körperlicher Gewalt über emotionale und psychische Gewalt bis hin zu Vernachlässigung. Gewalt kann ebenso von Bewohner*innen als auch Pflegekräften und von ihnen auch untereinander erfahren werden. Laut einer Umfrage des „Deutschen Institutes für angewandte Pflegeforschung“ findet Gewalt tagtäglich in pflegerischen Settings statt. Von zentraler Bedeutung ist es, dass Einrichtungen Handlungsleitlinien und Konzepte zur Prävention entwickeln und nachhaltig in die einrichtungsinternen Abläufe integrieren. 

 

Sexuelle Selbstbestimmung als Thema in (teil)stationären Pflegeeinrichtungen
Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, haben vor dem Hintergrund der international anerkannten Menschenrechte sowie der UN-Behindertenrechtskonvention – genau wie alle anderen Menschen auch – das grundlegende Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität und darauf, die eigene geschlechtliche Identität auszudrücken und ihre sexuelle Orientierung zu leben. Sexualität ist über die gesamte Lebenspanne hinweg ein zentraler Aspekt des Menschseins und gehört untrennbar zu der Persönlichkeit eines jeden Menschen dazu. Mit Sexualität sind nicht nur konkrete sexuelle Handlungen wie Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung gemeint. Es geht dabei auch um Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit und Bedürfnisse nach Nähe, Berührung, Intimität, Partnerschaft oder Erotik. Diese Bedürfnisse leben zu können, trägt zum Wohlbefinden eines Menschen bei und kann sowohl sein Selbstwertgefühl als auch seine Lebensqualität steigern. Demensprechend ist sexuelle Selbstbestimmung eine zentrale Gesundheitsressource und lässt sich dem Handlungsfeld der psychosozialen Gesundheit im Leitfaden des GKV-Spitzenverbandes zuordnen. Pflegerische Einrichtungen sind gefordert, Sexualität als menschliches Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen zu begreifen und positiv in die Pflege einzubeziehen. Hierzu gehört zum einen das Entwickeln sexualfreundlicher Rahmenbedingungen und zum anderen der Schutz vor sexuellen Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt. Damit dies in Pflegeeinrichtungen gelingt, sind strukturelle Veränderungen und Flexibilität ebenso nötig, wie die aktive Auseinandersetzung der Beschäftigten mit eigenen Tabus, Vorurteilen, Schamgrenzen und Moralvorstellungen sowie das Einbeziehen von Angehörigen.

 

Das Projekt

 

Das Projekt Wohl.Fühlen wird sechs ausgewählte (teil)stationäre Pflegeeinrichtungen in Niedersachsen und Bremen bei der Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen zu den Themen Gewaltprävention und sexuelle Selbstbestimmung unterstützen. Das Besondere hierbei: Die Maßnahmen sind nicht nur für die Menschen mit Pflegebedarf gedacht, sondern werden gemeinsam mit ihnen, den Angehörigen und den Beschäftigten aus den verschiedenen Arbeitsbereichen der jeweiligen Einrichtung entwickelt und realisiert. Dieses Miteinbeziehen aller Beteiligten einer Einrichtung bei allen Projektschritten und die nachhaltige Verankerung der entwickelten Maßnahmen sind wesentliche Elemente von Wohl.Fühlen. Darüber hinaus ist es ein Teilziel des Projektes, die beteiligten Einrichtungen sowohl miteinander als auch mit wichtigen Akteur*innen zu den Themen Gewaltprävention und sexuelle Selbstbestimmung, zu vernetzen und die Zusammenarbeit zu fördern.

 

Die wissenschaftliche Evaluation
Die Evaluation des Vorgehens in den Projekteinrichtungen übernimmt die Hochschule Fulda, University of Applied Sciences.

Ziel ist es, aus der Perspektive der beteiligten Akteure fördernde und hemmende Faktoren auf die Implementierung und zu erwartende Barrieren bei der Verstetigung der Maßnahmen zu identifizieren. Handlungsleitend sind hierfür folgende Fragestellungen: 

  • Wie hilfreich wird die Auseinandersetzung und Umsetzung des Begleitprozesses wahrgenommen?
  • Welche Veränderungen haben sich durch das Projekt ergeben?
  • Wie ist die Vernetzung gelungen? 

Hieraus werden Empfehlungen zu Prozesswirkungen, Darlegungen von Strukturen und Änderungen in der Kultur der Einrichtung teil- und vollstationärer Altenpflege sowie erzielten Fortschritten abgeleitet.

Kontakt:
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Kontakt LVG & AFS Nds. e. V.
Tanja Sädtler (in Elternzeit)

Birgit Wolff

 

Kontakt pro familia Landesverband Niedersachsen e. V.
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